Die 5 größten Trugschlüsse über die Radikale Ehrlichkeit
In meiner Zeit als Trainer bin ich vielen Trugschlüssen und Fehlannahmen begegnet.
Einige dieser Irrtümer halten sich erstaunlich hartnäckig.
Viele der viralen Videos und Artikel zur Radikalen Ehrlichkeit basieren leider auf falschen Annahmen und verzerren den Blick auf ihre eigentliche Essenz. Alle Missverständnisse zu beleuchten, würde ein eigenes Buch füllen. Deshalb möchte ich mich hier auf fünf zentrale Trugschlüsse beschränken – solche, die einer fruchtbaren und menschlichen Praxis besonders im Weg stehen.
1. Radikale Ehrlichkeit ist keine ausnahmslose Offenheit
Radikale Ehrlichkeit bedeutet nicht, ab jetzt ausnahmslos offen zu sein.
Das wäre weder sinnvoll noch hilfreich.
Es geht nicht darum, ein Ehrlichkeits-Dogma zu erschaffen oder dir den unerreichbaren Anspruch zu setzen, immer ehrlich sein zu müssen. Für eine lebendige Praxis empfehle ich ausdrücklich, keine neue Regel zu kreieren – und dich dadurch noch weiter unter Druck zu setzen.
Radikale Ehrlichkeit ist kein moralischer Standard, sondern eine Möglichkeit.
2. Radikale Ehrlichkeit ist nicht bloß faktische Korrektheit
Es gibt Menschen, die faktisch sehr korrekt und „ehrlich“ sind – dabei aber hart, kalkuliert und ohne Einblick in ihr inneres Erleben. Diese Form von Ehrlichkeit ist nicht das, worum es hier geht.
Zwar gehört faktische Wahrheit zur Radikalen Ehrlichkeit dazu – sie reicht aber nicht aus.
Gerade Menschen, die von sich sagen, sie seien „eigentlich schon zu ehrlich“, nutzen Ehrlichkeit oft als Schutzschild. Sie sagen die Wahrheit an der Oberfläche, bleiben dabei aber innerlich unberührbar. Menschlicher Kontakt entsteht so kaum.
3. Radikale Ehrlichkeit ist kein unzensiertes Ablassen von Gedanken
Ein häufiger Fehler ist, Radikale Ehrlichkeit mit dem ungefilterten Herausposaunen aller Gedanken und Meinungen zu verwechseln.
Im Internet werden Menschen gefeiert, die „endlich mal sagen, was sie denken“. Doch das hat oft wenig mit Ehrlichkeit zu tun – selbst dann, wenn tatsächliche Gedanken geteilt werden.
In vielen Fällen geht es eher um Kontrolle, Machtausübung oder das Festhalten an eigenen Ideen. Ehrlichkeit wird dann zur Strategie – nicht zur Begegnung.
4. Radikale Ehrlichkeit ist kein Werkzeug für Kontrolle oder Manipulation
Radikale Ehrlichkeit dient nicht dazu, andere zu steuern oder Ehrlichkeit strategisch einzusetzen, um etwas zu bekommen.
Menschen, die Ehrlichkeit als Machtinstrument nutzen, verfolgen meist eine verdeckte Absicht: Kontrolle. Da diese Absicht selten offen benannt wird, bleibt die Ehrlichkeit oberflächlich – eine Art Show.
Ein alltägliches Beispiel:
Wenn du ein ehrliches Kompliment machst, dessen eigentliche Absicht aber ist, die andere Person zu beeinflussen oder zu motivieren, ist dieses Kompliment nur halb wahr.
5. Radikale Ehrlichkeit ist nicht verletzender als Lügen
Eine der häufigsten Kritiken lautet: Ehrlichkeit sei verletzend – und Lügen daher eine Form von Nächstenliebe.
Das mag stimmen, wenn wir nur den Moment betrachten.
Langfristig ist diese Annahme jedoch absurd.
Natürlich können ehrliche Gespräche verletzen. Doch diese Verletzungen sind greifbar, klärbar und integrierbar. Sie sind oft intensiv, aber zeitlich begrenzt.
Verletzungen durch Lügen hingegen sind subtiler. Sie ziehen sich oft über Wochen, Monate oder Jahre. Ärger wird unterdrückt, Beziehungen verändern sich, Kontakt wird vermieden. Menschen sammeln innerlich Beweise gegeneinander – und verlieren den Blick füreinander.
Das hat wenig mit Nächstenliebe zu tun.
Ehrlichkeits-Quick-Tipp
Frage dich in schwierigen Momenten:
Wen will ich eigentlich schützen, wenn ich lüge?
Bei genauerem Hinsehen wird oft klar, dass wir uns selbst schützen wollen – vor Unbehagen, Kontrollverlust oder Konflikt.
Natürlich gibt es Situationen, in denen Zurückhaltung sinnvoll ist.
Doch unser Verstand ist sehr geschickt darin, genau dort Ausnahmen zu finden, wo Ehrlichkeit eigentlich notwendig wäre.
Andere Menschen kleiner zu machen, als sie sind, und ihnen die Fähigkeit abzusprechen, mit Wahrheit umzugehen, ist eine dieser Strategien – und eine erstaunlich effektive.