Was Radikale Ehrlichkeit wirklich bedeutet – und warum sie nichts mit Brutalität zu tun hat
Neulich erreichte mich in einem Interview dieser Kommentar einer Frau:
„Muss denn alles immer radikal sein? Ich lehne Radikalität in jeglicher Form ab und verurteile sie. Für mich ist Radikalität, egal in welche Richtung sie geht, einfach zu extrem.“
Dieser Kommentar brachte mich zum Nachdenken.
Denn das Wort radikal hat heute keinen besonders guten Ruf. Viele Menschen verbinden es automatisch mit Extremen – vor allem politischen. Mit Härte, Brutalität oder Dogmatismus.
Kein Wunder also, dass bei dem Begriff Radikale Ehrlichkeit sofort Alarmglocken schrillen:
„Muss ich meinem Kollegen jetzt sagen, dass er mal wieder duschen sollte?“
„Geht es darum, jeden Gedanken ungefiltert zu teilen?“
„Nie wieder lügen?“
„Kann so eine Welt überhaupt funktionieren?“
Es ist auffällig:
Die meisten Menschen erwarten Schlimmes, wenn sie von Radikaler Ehrlichkeit hören.
Nur wenige denken an die Klarheit, die entstehen könnte. Oder an die Verbindung, die möglich wäre.
Und ich frage mich oft:
In was für einer Welt leben wir eigentlich, wenn Ehrlichkeit wie eine Bedrohung wirkt?
Zurück zur Bedeutung des Wortes „radikal“
Viele dieser Worst-Case-Szenarien beruhen auf einem Missverständnis des Begriffs radikal.
Das Wort stammt aus dem Lateinischen und bedeutet schlicht: Wurzel oder Ursprung.
Radikale Ehrlichkeit heißt also nicht:
ungefiltert alles auszusprechen
einen Extremsport in Ehrlichkeit zu betreiben
oder sich zu zwingen, immer ehrlich zu sein
Das Radikale daran ist etwas anderes:
Du steigst aus gewohnten Mustern und Automatismen aus.
Du lernst, dich in deiner Tiefe wahrzunehmen.
Und du trittst in echten Kontakt – mit dir selbst und mit anderen – basierend auf dem, was im aktuellen Moment wirklich da ist.
Radikale Ehrlichkeit ist eine Reise zurück: aus dem Kopf in die Sinne, aus der Kontrolle in die Wahrnehmung.
Das wirklich Radikale daran? Es ist alles andere als brutal.
Radikale Ehrlichkeit als fortlaufende Wahrnehmungsübung
„Du kannst nur so ehrlich sein, wie du dir deiner selbst bewusst bist.“
Radikale Ehrlichkeit beginnt damit, zu bemerken, wo du dich verstellst:
Wo unterdrückst du Gefühle?
Wo verfolgst du eine geheime Absicht?
Wo spielst du eine Rolle, die nicht zu deinem Erleben passt?
Wo hältst du dich zurück, obwohl dein Herz pocht und etwas gesagt werden will?
Wichtig: Es geht hier nicht um Moral.
Diese Strategien sind nicht „falsch“. Oft waren sie sogar sinnvoll.
Aber sie haben einen Preis – besonders, wenn sie zur Gewohnheit werden.
Radikale Ehrlichkeit konfrontiert dich immer wieder mit einer einfachen Wahrheit:
Es kostet etwas, deine Wahrheit zu sagen.
Und es kostet etwas, sie nicht zu sagen.
Welche Kosten du bereit bist zu tragen, ist keine Regel – sondern ein fortlaufendes Forschungsfeld.
Der Preis der Unehrlichkeit
Unehrlichkeit wirkt sich auf mehr aus als nur auf einzelne Gespräche.
Daher ist es wichtig, dir bewusst zu machen, wie Unehrlichkeiten deine Lebendigkeit, Leistung, Lebensfreude, Kreativität und deine Verbindungen zu anderen Menschen beeinflussen. Wie du trotz guter Absichten durch Lügen am Ende dein Leben, deine Arbeit und deine Beziehungen sabotierst.
Und hier sind wir auch schon beim Kern der Sache angekommen:
um dieses neue Bewusstsein zu entwickeln, reicht es nicht, alleine darüber nachzudenken.
Dieses Bewusstsein entsteht, indem du deine Wahrheit tatsächlich aussprichst und ehrlicher bist – nicht nur dort, wo du einen Vorteil zu erwarten hast, sondern gerade dort, wo etwas auf dem Spiel steht und es für dich wesentlich ist, um nicht in Resignation oder faule Kompromisse zu verfallen.
Liebevolle, wohlwollende Neugier
Ein zentraler Baustein der Radikalen Ehrlichkeit ist der Umgang mit dir selbst.
Wenn du bemerkst, dass du nicht ehrlich bist, geht es nicht darum, dich dafür zu verurteilen.
Und wenn du dich doch verurteilst – bemerke auch das.
Druck erzeugt Widerstand.
Und oft war genau dieser Druck der Grund, warum Ehrlichkeit irgendwann aufgegeben wurde.
Radikale Ehrlichkeit lädt dich ein, mit Mitgefühl hinzuschauen – und von dort aus mutige Schritte zu gehen.
Radikale Ehrlichkeit ist keine Technik, die du perfektionieren musst.
Sie ist eine Einladung, dich wahrzunehmen und dich zu zeigen.
Nicht brutal.
Sondern radikal im besten Sinne:
an der Wurzel dessen, was wirklich ist.