Die bequeme Komfortzone der inneren Stimmigkeit

Auf einem10-Tage-Meditationsretreat im Juli fiel ein Satz, der mich seitdem nicht mehr loslässt und beschäftigt. Es ging um Vertrauen, Hingabe und Freundschaft.

Unser Lehrer zitierte einen alten Sufi-Meister:

„Wenn ich um Mitternacht zu dir nach Hause komme, dich aufwecke und sage: Komm mit – und du fragst: Wohin?, dann bist du kein wahrer Freund.“

Aua.

Mitternacht? Einfach so? Ohne Kontext?
Ich muss doch um 7 Uhr meditieren.
Mein Handy geht um 21:30 in den Flugmodus.
Was ist mit meiner Schlafhygiene?
Meiner Morgenroutine?

Kann der Freund nicht um 19:30 Uhr kommen?
Da habe ich meistens nichts Besseres vor.

Ich saß da und wurde still.
Und traurig.

Ich dachte an all die Male, in denen ich nicht für Freunde da war,
weil es sich gerade nicht stimmig angefühlt hat.

Weil ich „bei mir“ bleiben wollte.
Weil ich – mal wieder – mit mir selbst beschäftigt war.

Wie oft gehe ich tagsüber nicht ans Handy, weil ich „gerade schreibe“? Wie oft ziehe ich mich zurück, weil ich „im Prozess“ bin?

Ziemlich viel Ich. Ziemlich wenig Wir.

Vom Lernschritt zur Komfortzone

Und ja:

Als kompulsiver Aufopferer, der sich früher über Menschen lustig machte, die von ihren Grenzen sprachen, musste ich lernen, mich selbst ernst zu nehmen. Nicht ohne Grund erlitt ich mit 26 einen physischen Totalkollaps – den manche heute wohl Burn-out nennen würden.

Ich musste lernen, Grenzen zu setzen. Wünsche wahrzunehmen.
Freunden abzusagen, wenn es wirklich nicht ging.

Es war ein überlebenswichtiger Lernschritt.

Aber irgendwann wurde daraus eine neue Komfortzone.
Eine sehr bewusste. Sehr achtsame.
Aber auch zunehmend selbstzentrierte Komfortzone.

Und: Es gab viel Zustimmung und Applaus.

Ich fühlte mich immer regulierter – aber oft auch isolierter.

Ich traf Entscheidungen zunehmend aus emotionaler Stimmigkeit und wunderte mich, warum echte Verbindung schwieriger wurde.

Und ich sehe es auch in Workshops:

Je individueller wir werden, desto schwerer wird es, gemeinsam zu gehen. Und vielleicht auch:

Je mehr wir über unsere Gefühle sprechen, desto seltener lassen wir uns auf etwas ein, das unsere Gefühle nicht als Kompass nimmt.

Der Sufi-Satz hat mich daran erinnert:

Manchmal beginnt Beziehung erst dort, wo du deine heilige Agenda loslässt.

Und mal ehrlich:

Wer würde heute noch um Mitternacht mitkommen?
Ohne Ziel. Ohne Plan. Einfach aus Vertrauen.

Oder – vielleicht noch relevanter:
Wie oft würde ich selbst mitkommen?
Falls man es überhaupt schaffen würde, mich trotz Flugmodus und Ohropax zu wecken.

Leider: Nicht so oft …

Natürlich ist der Satz keine Einladung zur Grenzüberschreitung oder neuen Aufopferung. Er fordert kein blindes Mitlaufen.
Er ist ein Bild – für etwas Tieferes:
Für Vertrauen. Für Hingabe.
Für ein Miteinander, das nicht nur um das eigene Befinden kreist.

Ich kann von mir sagen:
Ich habe die Karte „persönliche Grenzen, innere Stimmigkeit und Selbstfürsorge“ vermutlich ein Stück weit über das Maß ausgespielt, das mir – und meinem Umfeld – wirklich dienlich war.

Next Stop: die gesunde Mitte.

Wie ist es bei dir?

Hast du es dir vielleicht auch bequem gemacht auf diesem schönen Plateau und deine Gefühle zum CEO ernannt? Oder ist es an der Zeit, genau dieses Feld wieder zu erforschen?

Schreib mir gerne. Ich bin gespannt.

Herzliche Grüße

Marvin

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