Wenn Aufarbeiten zur Vermeidung wird

Ich hab da einen Freund. Nennen wir ihn John.

John wollte seit sechs Jahren seinen Bürojob kündigen und „etwas anderes“ machen.

Damals sagte er: „Ich mach erstmal eine Therapie. Muss ein paar Sachen aufarbeiten.“

Go John, dachte ich. Klingt nach einer guten Idee.

Ein Jahr später: „Boah, da ist so viel Trauma. Bin an was Tiefem dran.“

Zwei Jahre später:„Fast durch. Mein Therapeut meint, es liegt an meiner Mutter.“

Fünf Jahre später: „Im Rahmen einer Aufstellung kam raus, dass es vielleicht ein verlorener Zwilling war. Das ändert alles. Ich mach jetzt ein Ahnen-Seminar.“

Heute kennt John mehr Heilverfahren als die meisten Schamanen, kann seine Gefühle in drei Schichten wahrnehmen und das Nervensystem seiner Vorfahren aufzeichnen.

Aber den Job hat er noch nicht gewechselt.

Okay, vielleicht übertreibe ich. Aber nur ein bisschen.

Denn es gibt sie:
Die Menschen, die sich in endlosen Heilungsschleifen verlieren.
Die zwar alles aufarbeiten, aber sich am Ende nie wirklich auf den Weg machen.

Therapie kann zur Vermeidung werden

Bevor das falsch rüberkommt:
Ich bin der Letzte, der Therapie bashen will.

Ich verdanke meinem Therapeuten mehr, als ich hier aufschreiben kann.
Unsere Arbeit hat mein Leben verändert – mehr, als ich für möglich gehalten hätte.

Und ehrlich: Ich wäre gerne viel früher hingegangen.

Wenn du noch nie in Therapie warst: Go.

Gerade die, die am lautesten sagen

„Ich brauch das nicht“, sollten vielleicht mal gehen. (Ich war einer von ihnen.)

Aber – wie bei allem Guten im Leben – kann auch Therapie irgendwann zur gemütlichen Gewohnheit werden. Zu einer Schleife, die sich immer mehr um sich selbst dreht.

Und dann wird das Werkzeug zum Selbstzweck.

Therapie als Selbstzweck

In unserer Szene ist „Go to therapy“ zur universellen Antwort geworden.

Beziehungskrise? Therapie.

Schlecht geschlafen? Therapie.

Tiefe Meditationserfahrung? Therapie.

Oft sind das sehr wertvolle Hinweise.

Aber wie bei John kann es passieren, dass es plötzlich immer mehr zu entdecken gibt, je mehr aufgeräumt wurde. Dass sich immer neue Türchen öffnen, die vorher gar nicht relevant waren.

Manchmal erinnert mich das an Menschen, die den Keller aufräumen wollen – und nach drei Tagen in einer Kiste voller alter Briefe sitzen und vergessen haben, was sie eigentlich wollten.

Und das ist keine kleine Frage:

Was wollen wir eigentlich?

Was machst du mit all der Heilung?

Aufarbeiten kann bequem werden.

Und manchmal wird es zur elegantesten Form der Selbstvermeidung – gerade weil man ja tatsächlich
an sich arbeitet. Viele Menschen glauben, sie müssten erst alles geheilt, verstanden und gelöst haben, bevor sie ins Leben gehen dürfen.

Doch genau das kann zur Falle werden.

Ja, es ist wichtig, große Themen aus der Kindheit anzuschauen.
Vergangenes zu verstehen.
Alte Emotionen zu lösen.

Das schafft Raum.

Aber die Frage bleibt:

Was machst du mit diesem Raum?

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Die bequeme Komfortzone der inneren Stimmigkeit