Mein 20-jähriges Ich in der "Manosphere"

ich bin die letzten Wochen durch eine Krise gegangen.

Es fiel mir schwer, Sinn in meiner Arbeit zu sehen. Mein tieferes „Warum?“ zu spüren.

Es war eine Art Resignation: Klar kann ich es tun, aber was bringt’s am Ende?

Ich hatte zwar viele gute logische Argumente, aber kein passendes Bauchgefühl dazu.

Kein Feuer.

Über die Gründe dafür will ich gar nicht so viel spekulieren. Vielleicht ist es eine Kombination aus dem Weltgeschehen und inneren, spirituellen Prozessen, die vorher schon aktiv waren.

So hing ich in einer Art uninspirierten Hoffnungslosigkeit fest. 

Und wie das Leben manchmal so ist, passierte ein unerwarteter, glücklicher Zufall.

Dieses Mal hieß der Zufall: Rumhängen und Netflix.

Mein Ziel war eigentlich, das anspruchsloseste Programm zu finden, das das Internet hergibt. Ich wollte mein Gehirn kurzschließen und definitiv nicht über meine Arbeit nachdenken.

Beim Scrollen sah ich eine Doku: “Inside the Manosphere”

Und irgendetwas in mir sagte: That’s it — schau das.

Sehr schnell wurde mir klar, dass das wohl das absolute Gegenteil von dem sein würde, was ich eigentlich wollte. Ich hatte in den ersten Minuten Herzrasen. Ich wollte mehrmals abbrechen. Nicht, weil es „zu intellektuell“ gewesen wäre, sondern weil es mich hart triggerte.

Ich starrte plötzlich ungewollt in meine eigene Vergangenheit… 

Mein 20-jähriges Ich in der "Manosphere"

Wieso hat’s mich so hart getroffen? 

Weil ich mit Anfang 20 exakt auf demselben Weg wanderte.

Ganz ehrlich: Viele dieser Männer hätten mir damals als Vorbilder getaugt. Ich hätte wohl gedacht: Endlich Typen, die sich nehmen, was sie wollen. Die sich nicht unterwerfen. Die Macht demonstrieren. Die frei sind von sozialen Konventionen.

Es war hart, mein zwanzigjähriges Selbst zu sehen.

Sätze zu hören, die eins zu eins aus meinem eigenen Kopf stammten. In Augen zu blicken, die zielstrebig und stählern wirken wollen, aber eigentlich nur nackte Angst ausstrahlen. Diese ganze Show der Stärke. Eine Show, die (zumindest bei mir) nur eine tief gefühlte Wertlosigkeit kaschierte.

Und dieser Schmerz. Den kenne ich verdammt gut: Die fehlende Orientierung, die Gewalt, die emotionale Isolation, die blanke Überforderung. Diese brennende Sehnsucht nach einem präsenten, klaren und liebevollen Vater. Nach Geltung und nach Akzeptanz.

Ich verbrachte Jahre damit, diesen Schmerz exakt so zu betäuben wie die Männer in der Doku: Ihn wegzudrücken, Schwäche zu verstecken und auf andere zu projizieren. Mich körperlich aufzupumpen, um innerlich nichts mehr zu fühlen. Lügen, betrügen, tricksen.

Alles unter dem Deckmantel der Rechtfertigung: Die Welt war auch nicht fair zu mir.

Das Schwierigste an der Doku war dieser zerreißende Zwiespalt: Mein tiefes Mitgefühl für den Schmerz dieser Männer (und meines alten Ichs) auszuhalten – und gleichzeitig meine absolute Abscheu gegenüber den Ideen und Taten zu spüren, die daraus erwachsen.

Heute kann und will ich mit absoluter Gewissheit sagen: 

Dieser Weg produziert nur noch mehr Leid, Schmerz und Angst – für alle Beteiligten. Was auf dem Fundament von Angst baut (und das tut es), gebiert am Ende nichts als neue Angst.

Die verdammte Angst, die Kontrolle aufzugeben

An dieser Stelle möchte, ja muss ich einfach kurz Radical Honesty ins Spiel bringen.

Ursprünglich dachte ich, Radical Honesty sei genau das, was die Männer in der Doku praktizieren: Einfach ungefiltert raushauen, was ich denke. Anderen unverblümt die Meinung sagen. Und endlich einen legitimen Freifahrtschein dafür zu besitzen.

Ich hielt es für eine clevere, neue Strategie, um besser zu flirten.

Doch merkte ich zum Glück recht schnell: Radical Honesty war nicht das, was ich erhoffte. Schlimmer noch: Es gab kaum etwas, was ich mehr fürchtete.

Denn Radical Honesty verlangte eins: Die Kontrolle aufgeben.

Mir wurde klar: Wenn ich wirklich ehrlich wäre, müsste ich auch meine geheimen Strategien und manipulativen Spielchen enttarnen. Müsste meine eigene Hilflosigkeit, Bedürftigkeit und Verletzlichkeit offenlegen – und ertragen. Sagen: Ich weiß es auch nicht. Und: Es tut mir Leid.

Doch vor allem: Ich müsste meinen tiefen Ärger fühlen.

Jetzt fragst du dich vielleicht: Warum zur Hölle sollte man(n) sich das antun?

Ganz einfach: Weil echtes Erleben exakt dort beginnt, wo die Kontrolle stirbt. Und weil auf der anderen Seite des Schmerzes wahre Lebensfreude, Liebe und pure Lebendigkeit warten.

Es gäbe hier natürlich noch endlos viel zu graben.

Aber ich möchte für heute so enden:

Radical Honesty war für mich das Seil, mit dem ich mich unbewusst selbst aus der Manosphere zog (auch wenn das damals noch nicht so hieß). Dafür danke ich heute meinem Lehrer Dr. Brad Blanton. Seine liebevolle Strenge war damals mein Rettungsanker.

Zum Abschluss: 

Ich merke, wie lange ich nicht mehr so inspiriert war, über eine Sache zu schreiben. Und mir ist völlig klar, dass dieses Thema jeden Rahmen sprengt, den ein einzelner Newsletter bieten kann.

Was mir auch klar geworden ist:

Ich will und werde mehr mit Männern arbeiten. Ein Beispiel für eine gesündere, integriertere Männlichkeit sein und Orientierung bieten.

Ich denke, dass ich das kann. Und dass ich genau dorthin gerufen bin.

Wie das genau aussehen wird, weiß ich noch nicht. 

Aber das Feuer ist entfacht.

Dein Marvin

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