Liebe ist nicht das, was du denkst
Über die seltsame Kunst, dich selbst zu lieben
Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich mich selbst nicht besonders mochte.
Ich beurteilte fast alles, was ich tat, als falsch.
In meinem Kopf lebte ein unerbittlicher Kommentator, der jeden Moment mit faulen Bemerkungen verdarb und ständig Aufmerksamkeit verlangte.
Ich diskutierte mit nahezu jedem Gedanken, konnte nicht entspannen, nichts einfach sein lassen.
Ich war Kläger, Angeklagter und Richter zugleich – in meinem ganz persönlichen inneren Puppentheater.
Damals war ich überzeugt, dass ich meine Gedanken bin.
Und hatte so gut wie keinen Kontakt zu meinem Körper geschweige denn meinem Bewusstsein.
Der Punkt, an dem nichts mehr ging
Einen Tag bevor ich nach Amerika fliegen sollte, um einen weiteren Corporate-Job zu beginnen, lag ich auf dem Boden. Ich konnte mich nicht bewegen. Spürte meine Beine nicht mehr.
Mein Körper hatte buchstäblich aufgegeben.
Ich konnte nicht mehr – und versuchte trotzdem, das Problem mit noch mehr Denken zu lösen.
Versuchte, meinen Körper mit Willenskraft zu überstimmen.
Als ich mich wieder bewegen konnte, ging ich trinken.
Upgrade auf Business Class.
Mehr Komfort.
Und lebte dann monatelang ein gedämpftes, kraftloses Leben – mit dem ständigen inneren Kommentar:
„Nicht mal entscheiden kannst du dich.“
Ein Freund sagte irgendwann zu mir:
„Dann lieb dich halt selbst, Mann.“
Aber wie bitte soll das gehen?
Warum Selbstliebe nicht funktioniert, wenn man sie versucht
Also las ich Bücher.
Hörte Motivationsprogramme.
Versuchte, mein Denken umzuprogrammieren.
Nichts blieb.
Je mehr ich versuchte, mich selbst zu lieben, desto weniger tat ich es.
Das ergab für mich keinen Sinn.
Ich war mein ganzes Leben davon überzeugt gewesen, dass Scheitern bedeutet, sich nicht genug anzustrengen.
Dass man alles mit ein bisschen mehr Kontrolle und Einsatz reparieren kann.
Hier passierte das Gegenteil:
Jeder neue Versuch, mich mehr zu lieben, reproduzierte genau das Problem, das ich lösen wollte.
Denn indem ich versuchte, mich mehr zu lieben, verstärkte ich die Annahme, dass mir etwas fehlt.
Ich suchte nach einem Fehler –
aber das Werkzeug, mit dem ich suchte, war selbst der Fehler.
Wie Gitarre spielen zu wollen mit einem Klavier.
Am Ende hast du wahrscheinlich einfach zwei kaputte Instrumente.
Ideen über Liebe sind nicht Liebe
Zu denken, dass du dich liebst, und dich tatsächlich zu lieben, sind zwei verschiedene Dinge.
Bilder von Jamaika sind nicht Jamaika.
Das eine ist die Idee.
Das andere ist die Erfahrung – jenseits von Konzepten.
Und oft steht genau dieses starre Konzept der tatsächlichen Erfahrung im Weg.
Wenn du Liebe wirklich vermeiden willst, werde ein glühender Verfechter der Idee von Liebe.
Suche krampfhaft nach ihr. Oder schreibe ein Buch über Liebe.
Genau das passierte mir.
Mein Fokus blieb immer im falschen Bereich:
bei den Inhalten meiner Ego-Gedanken.
Doch echte Selbstliebe findet man nicht im Gedankenstrom.
So wie echtes Jamaika nicht bei Google Maps zu finden ist.
Durchschauen statt verbessern
Du kannst deine Sprache verändern.
Dir freundlichere Gedanken über dich erzählen.
Affirmationen wiederholen und so weiter.
Das ist vermutlich besser, als dich permanent fertigzumachen.
Aber es ist nur ein Zwischenplateau.
Dauerhafte Selbstliebe lebt dort, wo es egal ist, ob du gerade denkst, dass du dich liebst.
Der Durchbruch kam für mich in einer unscheinbaren Szene:
Ich saß in meiner leblosen New Yorker Wohnung am Schreibtisch und schrieb in mein Journal:
„Ich muss mich selbst lieben.“
In diesem Moment sah ich es:
Das „Ich“ und das „mich selbst“ in diesem Satz sind dasselbe Konzept.
Wer liebt hier eigentlich wen?
Ich erzeugte Probleme, um sie zu lösen.
Scheiterte am Lösen.
Und verurteilte mich dafür.
Und wer sagt eigentlich, dass du dich nicht längst liebst?
Genau. Auch nur ein Gedanke.
Wahre Selbstliebe
… ist, zu lernen, deinen Geist in Ruhe zu lassen.
Du liebst dich bereits – außer du versuchst gerade, es im Kopf zu tun.
Du wirst dich nie dabei erwischen, wie du dich liebst.
So wie du deine eigenen Augen nicht sehen kannst.
Sobald du darüber nachdenkst, fütterst du ein Spiel, das nur zu mehr Gedanken führt.
Der Ausweg ist kein neuer Gedanke.
Er heißt Bemerken.
Bemerken ist das mühelose Wahrnehmen dessen, was gerade da ist.
Ohne Ziel. Ohne Agenda.
Sobald du Bemerken benutzt, um irgendwohin zu kommen, denkst du nur, dass du bemerkst.
Dein einziger „Job“ ist es, wahrzunehmen, was in deinem Bewusstsein auftaucht.
Dein Bewusstsein selbst ist Liebe.
Nicht der Inhalt dessen, was du wahrnimmst.
Wege aus dem Kopf
Ich habe viel Energie in meinen Verstand investiert.
Eine Festung aus Ideen gebaut, bewacht von ängstlichen Gedanken.
Der Weg hinaus war – und ist – schrittweise.
Was mir geholfen hat:
Meditation.
Beten.
Natur.
Stille.
Gehen.
Ehrlichkeit.
Handschriftliches Schreiben.
Fasten.
Zum Schluss
Vielleicht ist Selbstliebe einfach der Zustand,
in dem du nicht darüber nachdenkst.
Wenn ein Teich in Aufruhr ist –
wie würdest du ihn beruhigen?
Nicht durch mehr Steine.