Die Illusion der Normalität

Notiz:

Auch dies ist ein Text, der im Jahr 2021 erstmals auf meiner Webseite erschien – damals auf Englisch. Und auch hier denke ich: sehr Schade, dass er nicht online ist. Auch wenn ich vieles davon heute weniger “absolut” oder “revolutionär” schreiben würde, zeichnet genau das den Text am Ende aus. Außerdem hat sich meine spirituelle Sicht seither sehr verändert und ich würde die Idee des letzten Tages nicht mehr als Katalysator für das Leben nehmen.

Aber naja, vielleicht findest du Wert in dem Text, wie er ist – ohne zu viele Edits.


Neue Normalität oder scheiß auf Normalität?

Meine Mutter sagte früher oft: Sei doch einfach normal.
Meine Lehrer sagten: Das ist nicht normal.
Meine Chefs sagten: Zwei Stunden Überstunden am Tag sind normal.

Heute ruft die Welt nach einer neuen Normalität
und ich habe das Gefühl, ich bin nicht mal mit der alten richtig hinterhergekommen.

Zeit, mal kurz langsamer zu werden und uns dieses merkwürdige Konzept anzuschauen:

Normalität.

Und die Frage, ob „normal sein“ überhaupt ein erstrebenswertes Ziel ist.

Die Illusion der Normalität

Der Mensch ist in vielerlei Hinsicht eine erstaunliche Spezies.
Zum Beispiel sind wir vermutlich die erste Lebensform auf diesem Planeten,
die Zahlen entwickelt hat – und damit die Fähigkeit zu messen, zu berechnen und zu vergleichen.

Ein riesiger Fortschritt.
Wir können das Wetter vorhersagen.

Und gleichzeitig haben wir uns damit eine statische Linse gebaut, durch die wir auf die Welt schauen.

Wir leben heute in einem regelrechten Zahlenkult.

Rankings, Statistiken, Durchschnittswerte –
sie sagen uns, was normal ist.

Normalität ist letztlich nichts anderes als der statistische Mittelwert dessen, was Menschen gerade so tun.

Alles wird addiert, durch die Anzahl der Menschen geteilt –
und zack: Normalität.

Und ehrlich gesagt:
Das sieht im Moment nicht besonders rosig aus.

Der „durchschnittliche Deutsche“ ist leicht übergewichtig, eher unzufrieden, lässt sich mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 40 % scheiden, ist zu etwa 50 % unglücklich im Job, hat statistisch 1,39 Kinder und schaut täglich über drei Stunden fern (Anmerkung: Diese Daten stammen aus dem Jahr 2018/2019)

Willst du dich dafür anmelden?

Ich nicht. Danke, nein.

Genauso wie du bist

Was wir dabei gerne übersehen:
Das Streben nach Normalität ist ein Widerspruch in sich.

Du bist bereits Teil der Normalität.
Exakt so, wie du jetzt gerade bist.
Ohne irgendetwas zu tun.

Normalität entsteht immer im Nachhinein.
Das Leben passiert zuerst.
Der Durchschnitt versucht dann, es zu erklären.

Normalität passt sich dir an – nicht umgekehrt.

Verstanden?

Deine Einzigartigkeit ist keine Abweichung von der Norm.
Die Norm muss mit deiner Einzigartigkeit klarkommen.

Einer der größten Feinde eines freien, erfüllten Lebens ist es, sich ständig extern zu orientieren.

Gerade in einer Gesellschaft voller hochfunktionaler Neurotiker ist das eine ziemlich schlechte Idee.

Normal sein heißt oft:
sich treiben lassen in einem Strom aus Erwartungen,
Zielen und Idealen,
die nicht aus dir selbst stammen.

Und dabei verlierst du den Kontakt zu deiner eigenen Quelle.

Dabei brauchen wir dich.
Deine Eigenart.
Deinen schrägen Blick.
Deine Unangepasstheit.

Bitte, bewahr mich davor, normal zu sein.

Ein One-Way-Ticket in die Langeweile

Ungefragt folgen wir Regeln und Standards.
Etwas fühlt sich innerlich nicht stimmig an?
Egal.
Wir trauen unserem eigenen Empfinden nicht.

Wir lernen, Menschen zu beeindrucken, die wir oft nicht einmal mögen.

Wir übertönen unsere innere Stimme
mit Zucker, Arbeit, Sex, Drogen, Ablenkung.

Wir lügen uns gegenseitig ins Gesicht.
Verwechseln Höflichkeit mit Wahrheit.
Oberflächliche Harmonie wird höher bewertet als innere Stimmigkeit.

Bluthochdruck. Angststörungen. Diabetes. Burn-out.
Das sind oft keine individuellen Defekte, sondern Folgen davon, die eigene Individualität zu kastrieren.

Und kaum jemand stellt das Offensichtliche infrage.

Regeln werden befolgt, auch wenn wir innerlich längst ausgestiegen sind.

Dabei gilt:
Ohne Menschen, die aus der Reihe tanzen, würden wir vielleicht heute noch in Höhlen leben.

Glück ist nicht normal

Die meisten Menschen bewegen sich schlafwandelnd durchs Leben.
Gefangen im Autopiloten ihres Denkens.

„Normale“ Menschen verwirklichen selten ihre Träume.

Und am Sterbebett wünschen sich viele nicht mehr Geld oder Status –
sondern den Mut,
ein Leben nach ihren eigenen Maßstäben geführt zu haben.

Leider kommt diese Einsicht oft etwas spät.

Ein wirklich freier, lebendiger Mensch ist selten normal.

Die Menschen, die erfüllt leben, passen nicht gut in starre Systeme.

Sie sind Unternehmer, Künstler, Musiker, gute Eltern.
Die „normale“ Gesellschaft konsumiert die Werke der Unnormalen.

Und ich würde wetten:
In einer Welt, in der Followerzahlen mehr zählen als innere Wahrheit,
sind die Unangepassten die Glücklicheren.

Unnormal ist:

Glücklich sein.
Selbstständig denken.
Die Wahrheit sagen.
Mit Fremden sprechen.
Den eigenen Weg gehen.
Über Gefühle sprechen.
Ohne Grund lachen.
Ganz im Moment sein.

Das Ende ist sicher

Anders als im Kino ist unser eigenes Ende sicher.
Es wird diesen letzten Tag geben.

Und wir können ihm auf zwei Arten begegnen:

Mit einem Sack voller ungelebter Möglichkeiten, voller Reue und ungelebter Sehnsucht.

Oder mit Dankbarkeit – bereit zu gehen.

Jeden Morgen bewegen wir uns ein Stück in die eine oder andere Richtung.

Es ist normal, einen seelenlosen Job zu haben.
Montags aufs Wochenende zu warten.
Zu lügen.
Bildschirmabhängig zu sein.
Negativität zu kultivieren.
Krank zu sein.
Fast Food zu essen.
Finanziell überfordert zu sein.
Mehr über Promis zu wissen
als über die eigene Familie.“

Mag sein.
Aber normal heißt nicht gesund.
Oder sinnvoll.

Eine Revolution des Lebendigen

Wann fühlst du dich am lebendigsten?

Sind es nicht genau die Tage,
an denen etwas Unerwartetes passiert?

Momente, in denen Routinen kurz unterbrochen werden
und das Leben selbst durchscheint?

Das sind die Geschichten, die wir erinnern.
Nicht die perfekt geplanten.

Und doch halten wir uns selbst davon ab,
weil wir so viel Zeit im Denken verbringen.

Ganz ehrlich:
Ich habe kein Interesse an einer neuen Normalität.
Oder einer alten.
Oder irgendeiner Normalität.

Was mich interessiert, bist du.

Deine Sehnsüchte.
Deine Ängste.
Deine Träume.
Das, was dein Herz berührt.

Ich interessiere mich für Menschen – nicht für Durchschnittswerte.

Für Leben – nicht für Konzepte.

Für Liebe – nicht für Normen.

Ich glaube nicht, dass Normalität uns da hinführt.
Nicht mal eine neue.

Ich glaube, wir brauchen etwas anderes:

Menschen, die wieder ihrer inneren Stimme zuhören.
Die den Mut haben, nicht dazuzugehören.

Von dort aus –
fest verwurzelt in der eigenen Eigenart –
können wir gemeinsam eine andere Welt gestalten.

Eine, in der selbst in dunklen Zeiten
Hoffnung entstehen kann.

[Kommentar heute:]
Wenn ich diesen Text heute lese, merke ich:
Ich würde manche Zuspitzungen weicher formulieren –
aber die Richtung stimmt für mich immer noch.
Vielleicht sogar mehr denn je.

Weiter
Weiter

Liebe ist nicht das, was du denkst