Angst als Kompass: Warum wir oft das meiden, was uns wirklich weiterbringt
Note: Diesen Text habe ich vor vielen Jahren – lange bevor es KI gab – auf Englisch geschrieben und beim Aufräumen meiner Festplatte wiedergefunden. Beim Lesen dachte ich: der muss unbedingt auf Deutsch online gehen. Es geht um Angst, um Mut – und um die Frage, ob wir uns wirklich dem stellen, was uns weiterbringt, oder uns mit Ersatz-Herausforderungen beschäftigen.
In meinen Zwanzigern habe ich mich ziemlich intensiv mit Pick-up beschäftigt.
Also mit der Frage, wie man „besser mit Frauen“ wird – was letztlich bedeutete: mein Leben aufzuräumen, meine Vergangenheit anzuschauen und ehrlicher zu werden. Zumindest theoretisch.
Ich erinnere mich an einen Sommer, es muss 2014 gewesen sein.
Mein Freund Martin und ich erstellten etwas, das wir „Die Liste der sozialen Zerstörung“ nannten.
Sie enthielt etwa 25 oder 30 Aufgaben, zu denen wir uns verpflichteten.
Ich erinnere mich nicht mehr an alle – aber an einige sehr gut:
– Mit Unterwäsche über dem Gesicht durch Dortmund laufen
– So lange um Geld betteln, bis wir fünf Euro hatten (die wir anschließend Obdachlosen gaben)
– Einen männlichen Verkäufer anflirten
– 30 Sekunden lang regungslos auf dem Boden eines Einkaufszentrums liegen (der Klassiker)
– Eine Frau direkt nach Sex fragen
Wir zogen das einen Monat lang durch.
Jedes Mal gab es diesen kurzen, elektrisierenden Kick. Ein Gefühl von Mut. Von Lebendigkeit.
Von „Ich kann das“.
Leider hielt dieses Gefühl nie besonders lange.
Der Kick verpuffte. Und ich fand mich bald wieder mit denselben Unsicherheiten und Mustern.
Heute weiß ich, warum.
Du musst keine Angst künstlich erzeugen
In meinem Leben gab es damals einige sehr reale Dinge, vor denen ich mich drückte.
Dinge, die mir wirklich Angst machten – und die ich mir hätte anschauen müssen.
Ich wusste, dass ich mich meinen Eltern gegenüber klar positionieren musste.
Ich wusste, dass ich ehemaligen Partnerinnen gestehen musste, dass ich sie betrogen hatte.
Ich wusste, dass ich bei der Arbeit gestohlen hatte.
Und ich wusste, dass ich mich der Frage stellen musste, was ich eigentlich mit meinem Leben anfangen will.
Letzteres war vermutlich das Beängstigendste von allem.
Rückblickend glaube ich, dass diese Liste auch eine Ablenkung war.
Eine Möglichkeit, mich gezielt zu erschrecken – um den wirklich relevanten Ängsten nicht begegnen zu müssen. Angst als Mut-Show. Als Sport – ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer Menschen.
Das hat nichts von dem gelöst, was wirklich anstand.
Vielleicht hat es mir geholfen, das irgendwann zu erkennen.
Aber es hat mir die Arbeit nicht abgenommen.
Angst zeigt den Weg
Einer meiner Lehrer sagte mal zu mir:
„Manchmal musst du etwas tun, vor dem du Angst hast, um die Kraft zu bekommen, das zu tun, was du eigentlich tun willst. Schwierige Dinge zu vermeiden kostet Energie und Lebendigkeit.“
In den letzten zehn Jahren habe ich gelernt, Angst als Kompass zu nutzen.
Wo viel Angst ist, ist oft auch viel Liebe.
Oder zumindest etwas, das an Lebendigkeit, Klarheit oder Handlungskraft zurückgewonnen werden will.
Angst zeigt ziemlich zuverlässig auf die Arbeit, die vor dir liegt.
Wenn dein Herz schneller schlägt, wenn du daran denkst, jemandem etwas zu sagen oder ein Gespräch zu führen – dann ist das sehr wahrscheinlich die Richtung.
Für viele Menschen sind ehrliche Gespräche eines der beängstigendsten Dinge überhaupt.
Und genau dort liegt oft das Gold.
Unterdrückte Emotionen, ungeklärte Spannungen und unausgesprochene Wahrheiten halten uns im Wiederholen der Vergangenheit fest. Sie verhindern echten Kontakt – im Hier und Jetzt.
Welche Gespräche vermeidest du?
Ein kleiner Impuls – ursprünglich für den Jahreswechsel, aber eigentlich zeitlos:
Anstatt weiter nach vorne zu pushen, Neues zu lernen oder den nächsten Workshop zu buchen, halte kurz inne.
Hör wirklich hin.
Welche Gespräche weißt du tief drinnen, dass sie dir guttun würden?
Welche Themen umkreist du seit Monaten oder Jahren – beschäftigt, abgelenkt, funktionierend?
Und dann hör dir die inneren Begründungen an:
„Ich brauche diese Person nicht mehr.“
„Ich will gar nicht so nah sein.“
„Sie ist ein Energievampir.“
„In diesem Fall geht das nicht.“
„Meine Mutter würde das nicht verkraften.“
„Die anderen sollten sich zuerst melden.“
„Ich habe doch schon so viel versucht.“
„Ich will niemanden verletzen.“
Das alles sind Varianten von Angst.
Und je größer die Angst, desto wahrscheinlicher ist es, dass auf der anderen Seite etwas Wertvolles liegt.
Wenn wir ihr begegnen, betreten wir einen Raum von erhöhter Präsenz und Handlungskraft. Wir gehen ins Unbekannte.Und sehr oft kommen wir von dort mit etwas zurück, das unser Leben reicher macht.
Man könnte es Integrität nennen.
Oder Kraft.
Oder Liebe.