Ehrlich sein bei der Arbeit
Es war ein Samstag. Ein kalter Januarsamstag.
Freunde aus München hatten mich zu einer Tageswanderung in die verschneiten Berge Bayerns mitgenommen. Wir liefen, lachten und hatten eine entspannte Zeit. Irgendwann zog ich mein Handy aus der Tasche.
Eine Nachricht von meinem damaligen Chef.
Ich zog die Handschuhe aus, entsperrte den Bildschirm.
Marvin, ich brauche dich jetzt. Schau bitte sofort in deine Mails. Das ist dringend.
Mein Körper spannte sich an. Der Atem wurde flach. Meine Beine wurden hart.
Mein Gedankenkarussell sprang an:
„Am Montag kündige ich.“
Ein kurzer Blick zurück
Bevor ich Radikale Ehrlichkeit kennenlernte, arbeitete ich in verschiedenen Firmen. Immer im Büro. Ich trank Kaffee, saß viel herum, lächelte freundlich. Ich arbeitete wenig, surfte viel im Internet und war ziemlich gut darin, mein Umfeld zu manipulieren und mich als gute Arbeitskraft zu verkaufen.
Sie hielten mich für kompetent.
Ich war eine erwachsene Version des „braven Jungen“.
Und das ist – rückblickend – eine ziemlich ungünstige Rolle.
Ich sagte „Ja“, wenn ich „Nein“ meinte.
Ich fragte „Wie geht’s dir?“, wenn ich mich innerlich leer fühlte.
Ich schrieb „Vielen Dank im Voraus“, wenn ich eigentlich „So ein Sch**ß” dachte.
In keinem Job blieb ich lange.
Ich kündigte. Und log über die Gründe.
Wenn sich genug Frust angesammelt hatte, suchte ich das nächste „bessere“ Ding:
Ein anderes Land. New York. Südafrika. Zurück nach New York.
Mehr Verstellen. Mehr Anpassen. Mehr Flucht.
Ich schleppte einen Berg unerledigter Dinge mit mir herum – rund um den Globus.
Doch diesmal war etwas anders.
Denn diese Geschichte passierte nachdem ich Radikale Ehrlichkeit kennengelernt hatte.
Ein ehrliches Gespräch bei der Arbeit
Am Montag ging ich also zur Arbeit.
Mir war klar: Einfach zu kündigen wäre wieder Ausweichen gewesen.
Da war etwas zu lernen.
Wenn wir feststecken, wenn Frust entsteht, gibt es eine echte Wachstumschance – wenn wir bereit sind, durch das Unbekannte zu gehen und etwas Anderes zu tun, als sonst.
Zwei Stunden zögerte ich das Gespräch mit meinem Chef heraus.
Ich versuchte mir einzureden, dass es ja doch nicht so wichtig sei:
“Lass es doch einfach los. Ist doch nur Arbeit. Nimm es nicht persönlich. Nicht so tragisch.”
Doch kannte ich diese Tricks von mir schon, um mich von wichtigen Gesprächen abzuhalten.
Und schließlich war mir bewusst, wieviel Energie es mich kostete, das Gespräch zu vermeiden.
Dann bat ich meinen Chef um ein Meeting;
Wir begannen mit Smalltalk.
Mein Herz schlug schneller.
Meine Hände kribbelten.
Ich vermied Blickkontakt.
Ich wusste: Gleich wackle ich am Boot.
Schließlich atmete ich tief ein.
Ich:
„Ich möchte dir noch etwas sagen – und ich habe Angst davor.“
Er:
„Was denn?“
Ich:
„Ich bin wütend, dass du mir am Samstag wegen der Arbeit geschrieben hast.
Ich möchte am Wochenende nicht arbeiten.“
Er lächelte. Nickte. Seine Augen wurden weich.
Das war so ziemlich das Letzte, was ich erwartet hatte.
Er:
„Das tut mir leid. Ich wollte nie dieser Typ sein, der Leute am Wochenende belästigt. Ich hasse das selbst. Und du warst leider der Einzige, der Deutsch spricht.“
Ich:
„Danke, dass du das sagst.“
Ich weiß nicht mehr genau, wie das Gespräch endete.
Aber ich erinnere mich an diesen Satz:
Er:
„Danke, dass du mir das gesagt hast. Genau deshalb will ich, dass du weiter mit mir arbeitest. Du bist einer der wenigen Menschen, denen ich vertraue, dass sie ehrlich sind.“
Vor dem Gespräch dachte ich, ich würde kündigen oder gefeuert werden.
Nach dem Gespräch waren wir uns näher als zuvor.
Er half mir später bei Freelance-Jobs.
Lud mich ein, sein Ferienhaus zu nutzen.
Aber das Wichtigste:
Ich dachte nicht mehr über die Sache nach, entspannte mich und hielt es nicht gegen ihn in der Hand.
👉 Einschub meines heutigen Selbst
Beim Lesen frage ich mich heute, 10 Jahre nach dem Schreiben, ob das auch anders möglich gewesen wäre. Vielleicht hätte ich anders loslassen können. Heute würde es mich sicher auch nicht mehr so treffen. Aber: ich sehe nach wie vor keinen Grund, so ein Gespräch nicht zu führen. Ich denke, es war wirklich hilfreich – nicht nur für mich.
Ehrlich sein bei der Arbeit ist möglich
Ich glaube sogar: Du schuldest es dir selbst.
Angst ist oft der Türsteher zum Unbekannten.
Und Chefs stehen – bewusst oder unbewusst – für Vaterfiguren, Autoritäten, alte Hierarchien. Besonders große Unternehmen funktionieren oft wie riesige, dysfunktionale Familien, in denen viele Menschen nie wirklich in ihre Eigenverantwortung wachsen.
Ehrlichkeit ist auch bei der Arbeit möglich.
Es hat einen Preis, wenn du ehrlich bist. Und es hat einen Preis, wenn du es nicht bist. Und sehr oft wirkt Unehrlichkeit auf die kurze Sicht wie die bessere Wahl. Langfristig ist das jedoch selten der Fall.
Was langfristig nie zu mehr Zufriedenheit und Integrität führt, ist Lügen und Rollenspiel.
Du verschwendest deine eigene Energie – und auch die des Unternehmens.
Wenn du Angst hast, fang klein an. Das ist okay.
Aber fang an.
Du dienst niemandem – auch dir selbst nicht – indem du dich klein hältst.
P.S.
In meinem Buch 30 Minuten Radikale Ehrlichkeit gehe ich tiefer auf diese Form von Ehrlichkeit im Alltag und im Berufsleben ein. Wenn du nicht sicher bist, wie und wo du anfangen kannst, auf der Arbeit ehrlicher zu sein, kann das Buch ein sehr guter Einstieg sein.