Gehört und gesehen werden – die Kunst der Subtraktion

Note:

Hier noch ein Text, den ich beim Aufräumen meiner Festplatte fand. Er stammt aus dem Jahr 2019 und war im Original auf Englisch. Beim Lesen war mir direkt klar: der gehört online. Unbedingt. Denn die Nachricht ist nicht nur zeitlos, sie ist für viele Menschen wichtiger, als jemals zuvor. Sie ist für all die Menschen, die oft das Gefühl haben, nicht gehört, gesehen oder verstanden zu werden.


Lange Zeit hatte ich das Gefühl, nicht wirklich gehört oder gesehen zu werden.

Meine Botschaft kam nicht an. Menschen verstanden mich nicht. Oder sie übergingen meine Grenzen.

Ich dachte, ich sei eigentlich klar – und war trotzdem irritiert, wenn andere sich abwandten oder einfach weitermachten. Zuerst machte ich die Welt verantwortlich.

Ich hielt mich für zu speziell, zu komplex, zu tief, um verstanden zu werden.

Dann machte ich mich selbst verantwortlich.
Ich wurde lauter. Eloquenter. Präsenter.
Manchmal auch aggressiver.

Nichts davon half.

Der Durchbruch kam, als ich vor einigen Jahren eine sehr alte Sprache wiederentdeckte.

Die älteste Sprache der Welt

Überall auf der Welt teilen Menschen eine gemeinsame Sprache.
Sie ist älter als Latein, universeller als Englisch und berührt Menschen über alle Kulturen hinweg.

Babys verstehen sie intuitiv.
Wir alle reagieren auf sie.
Und die meisten Menschen genießen es, in ihr angesprochen zu werden.

Diese Sprache ist Musik.

Ein Song ist Kommunikation zwischen Künstler und Zuhörer.
Er trägt eine Botschaft, erzählt eine Geschichte, zeigt eine innere Welt – und trifft auf die innere Welt des Gegenübers.

Einen Song zu produzieren ist ein mehrstufiger Prozess.

Zuerst wählt der Künstler aus unzähligen Möglichkeiten einige wenige Elemente aus.
Dann werden diese aufgenommen.
Anschließend arrangiert – mit Blick auf Spannung, Intensität, Pausen und Dynamik.

Und wenn das Arrangement steht, beginnt oft der schwierigste Teil.

Die Kunst des Mischens

Beim sogenannten Mixing verbringt ein Musikproduzent oft Wochen damit, Feinheiten auszubalancieren.

Hier trennt sich Amateur von Profi.

Als ich vor einigen Jahren meine ersten Gehversuche in der Musikproduktion machte, scheiterte ich genau an diesem Punkt. Mein Lead-Sound wollte einfach nicht durchkommen.

Ich probierte alles, was logisch klang:

Ich machte ihn lauter – der Song verzerrte.
Ich legte weitere Spuren darüber – alles wurde matschig.
Ich fügte Effekte hinzu – das Gefühl ging verloren.
Ich machte es komplexer – die Botschaft verwässerte.

Nach zwei Wochen war ich frustriert.

Als letzten Versuch fragte ich Patrick, einen Profi-Produzenten.
Er produziert seit über zwanzig Jahren Musik.

Er hörte sich den Song an, lächelte – und sagte:

„Wenn du willst, dass das Lead-Element hörbar wird, musst du den Rest leiser machen.“

Nicht mehr hinzufügen.
Weglassen.

Die subtile Kunst des Weglassens

Der Unterschied war sofort hörbar.

Das Problem war nie mein Lead-Sound.
Es war das Rauschen der anderen Elemente.

Patrick sagte:

„Mixing bedeutet fast immer Schneiden. Subtrahieren. Das ist kontraintuitiv – weil wir gewohnt sind, immer mehr draufzulegen. Aber genau das verdünnt die Botschaft.“

Erst durch das Weglassen des Unwesentlichen kann das Wesentliche klingen.

Diese Lektion habe ich nie vergessen.

Und sie gilt nicht nur für Musik.

Wie du es der Welt leichter machst, dich zu hören

Meistens müssen wir nicht mehr sagen.
Nicht mehr erklären. Nicht ausgefeilter kommunizieren.

Der Schlüssel, gehört zu werden, liegt fast immer darin, den Lärm zu reduzieren.

Wenn du dein Gegenüber zwingst, dich zu entschlüsseln, verliert es das Interesse.

Natürlich musst du wissen, was du sagen willst.
Und wenn du es nicht weißt: Stille ist oft ehrlicher als Reden.

Wenn du es weißt, dann lass weg, was nicht wesentlich ist.

Sag:
„Ich liebe dich.“

Nicht:
„Wenn ich mit dir zusammen bin, fühlt sich alles irgendwie besonders an und ich denke noch lange an dich und versuche dann, mich zu beruhigen und nicht zu viel reinzuinterpretieren.“

Sag:
„Ich möchte ein Eis essen. Kommst du mit?“

Nicht:
„Es ist heute irgendwie warm, oder? Vielleicht sollten wir rausgehen. Da gibt’s doch dieses neue Eiscafé…“

Sag:
„Ich bin anderer Meinung.“

Nicht:
„Ich habe da neulich einen Artikel gelesen, der einen interessanten Blickwinkel eröffnet…“

Sag:
„Ich bin wütend auf dich wegen dem, was du gerade vorgeschlagen hast.“

Nicht:
„Es gibt da diesen Philosophen aus dem 18. Jahrhundert, der das ganz anders gesehen hat…“

Kurz gesagt:

Schneide den Lärm weg.
Sag, was du meinst.
Mach eine Pause.
Und hör zu, wie es landet.

Der Mix deines Lebens wird klarer.
Deine Worte werden gehört.
Und du kommst mehr in Einklang mit der Welt.

Eine kleine Warnung zum Schluss:

Diese Art zu sprechen führt sehr wahrscheinlich dazu, dass du mehr spürst.
Mehr Körperempfindungen. Mehr Lebendigkeit.

Aber auch:
mehr Zeit und Energie für das, was wirklich zählt.

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Ehrlich sein bei der Arbeit