Freiheit ist kein Beziehungsstatus
neulich saß ich in einem Café.
Am Nachbartisch unterhielten sich zwei Frauen. Die eine sagte begeistert:
„Tim und ich sind jetzt auch offen. Ich will einfach frei sein. Meinen Impulsen folgen. Liebe darf doch nicht besitzergreifend sein! Ich will meine Energie frei fließen lassen, ohne mich einzuengen.“
Ich trank meinen Kaffee und wusste nicht, ob ich mich freuen oder beunruhigt fühlen sollte. Denn ich erinnerte mich an mein eigenes „erstes Mal“ offene Beziehung:
Als meine damalige Freundin mir erzählte, dass sie mit zwei Männern geschlafen hatte, während ich in New York war.
Ja, es war „erlaubt“. Wir waren offen.
Es war unser gemeinsames Experiment.
Damals klang es nach Freiheit. Nach Weite. Nach neuen Möglichkeiten. Und nach Außen wirkte es auch so.
Aber innen drin?
Muss ich heute sagen: ich wurde eher unfreier.
Ich wollte schon lange über dieses Thema schreiben – aber es ist riesig.
Deshalb heute: nur ein Aspekt.
Vielleicht sogar der Aspekt, der viele Menschen dazu inspiriert, eine offene Beziehung – oder eines der vielen modernen Beziehungskonzepte, die heute im Umlauf sind – auszuprobieren:
👉 Freiheit.
Das Streben nach Freiheit
„Ich will mehrere Menschen lieben – Liebe ist schließlich frei.“
„Ich will offen sein, für alles, was sich zeigt.“
„Ich will meine Energie nicht einsperren.“
Ich höre diese Sätze oft. In Berlin sowieso. Und es sind kraftvolle Sätze. Gerade für Menschen, die in eine monogame Beziehung geschlüpft sind, weil „man das halt so macht“ – für die kann es wichtig sein, neue Erfahrungsräume zu öffnen. Alte Prägungen zu hinterfragen und sich zu erforschen: Was passt eigentlich zu mir?
Und ja: Für manche ist eine offene Beziehung wahr und heilsam.
Aber – du hast es geahnt – sie kann auch eine ziemlich bequeme Flucht sein. Eine subtile Vermeidungsstrategie.
👉 Ein schönes Konzept, um sich unter dem Deckmantel der Freiheit genau dann rauszuwinden, wenn es eng, unangenehm oder schmerzhaft wird (frag nicht, woher ich das weiß).
Das ist nicht falsch.
Aber sollten wir dann nicht zumindest darüber ehrlich sein?
Mein eigenes Experiment
In meinen Zwanzigern habe ich es selbst ausprobiert.
Polyamorie, offene Beziehung – mal bewusster, mal unbewusster.
Es fühlte sich an wie ein Befreiungsprogramm von alten Beziehungsschmerzen und dem System meiner Eltern.
Und ja, es war gut. Aber heute, rückblickend, sehe ich auch:
Dahinter steckte oft Angst.
Angst, mich im Kontakt zu verlieren.
Angst, mich entscheiden zu müssen.
Angst, wirklich gesehen zu werden – mit allem.
Und die Angst, unfrei zu sein.
Ich hatte mir einen Fluchtweg gebaut.
Bei mir kamen die Impulse, jemand anderen zu treffen, oft eben gar nicht aus purer Liebe, die ich teilen wollte. Sondern aus einer Hilflosigkeit. Aus einem unausgesprochenen Ärger. Aus dem Wunsch, mich zu schützen, bevor ich verletzt werde. Oder aus Begierde.
Und dann ist Freiheit eher ein Schutzschild als ein offenes Feld.
Das heißt nicht, dass offene Beziehungen immer eine Ausweichbewegung sind – ich kenne Menschen, die sie bewusst, ehrlich und verbindlich leben.
Aber ich würde sagen: Das sind Ausnahmen.
Freiheit ist eine innere Entscheidung
Was ich für mich gelernt habe:
👉 Wahre Freiheit entsteht nicht durch äußere Umstände.
Sie ist ein innerer Prozess.
Ein klares Ja zum jetzigen Moment.
Ein volles Dasein – eine Öffnung in Liebe und Präsenz.
Du kannst drei Partner haben und dich weniger frei fühlen als ein Ehepaar, das seit 40 Jahren zusammen ist. Du kannst zehn Partnerinnen haben und trotzdem deine Liebe zurückhalten, deine Energie bremsen, innerlich unfrei bleiben.
Und:
👉 Wenn du es mit einer Person nicht schaffst, voll da zu sein, innerlich frei zu bleiben, ist die Chance recht hoch, dass es mit mehreren nicht leichter wird – sondern schwieriger.
Denn es sind nicht die äußeren Optionen, die Freiheit schenken.
Oft sind es genau diese vielen Optionen, die dich ablenken.
Wenn der innere Prozess fehlt, verhedderst du dich schnell in der Falle der endlosen Möglichkeiten und verwechselst Freiheit mit freier Wahl. Und solange du im Außen suchst, was nur aus dir selbst heraus entstehen kann, kreist du eventuell immer wieder in der gleichen Schleife, ohne wirklich freier zu werden.
Zum Abschluss
Ich habe mich entschieden, monogam zu leben. Mit Raum für ehrliche Kontakt-Experimente, aber mit dem Fokus: mit einer Person wirklich tief zu gehen. Auch da, wo’s eng wird. Auch da, wo der Marktplatz der Anziehung lockt.
👉 Das ist für mich heute Freiheit: in einer Entscheidung zu bleiben.
Ich muss an David Deida denken, der sinngemäß schrieb:
„95 Prozent der Männer haben nicht die Skills & Kapazität, eine offene Beziehung bewusst zu führen.“ (Und vermutlich gilt das nicht nur für Männer.)
Da zähle ich mich auf jeden Fall dazu…
Schreib mir
Mich interessiert:
Hast du Erfahrungen mit offenen Beziehungen – als Teilnehmerin oder Beobachter? Was hast du daraus gelernt? Was hast du dir erhofft – was hast du gefunden?
Schreib mir gern. Ich freue mich, von dir zu lesen.
Marvin