Zwischen Mitgefühl, Ohnmacht und moralischer Empörung

es war der vorletzte Tag unseres 8-Tage-Retreats.
Mein Co-Trainer Michael und ich saßen nach einer wirklich schönen und liebevollen Session in seinem Zimmer.

Echt wertvolle Arbeit, die wir hier machen“, sagte ich.

Wir planten den Nachmittag –
bis auf einmal eine Nachricht auf seinem Instagram aufpoppte:

„Wo ist dein Radical Honesty, während in Gaza ein Genozid passiert – mit Hilfe deutscher Waffen? Was hast DU dagegen unternommen? Wo hast du Stellung bezogen? Die ganze Conscious-Szene sind Heuchler und Bypasser und braucht mir nie wieder was von Ehrlichkeit zu erzählen.“

Bäm.

Obwohl die Nachricht nicht direkt an mich gerichtet war, traf sie mich.
Und ich war die nächsten Stunden sehr damit beschäftigt.

Was würde ich schreiben? Kann man darauf überhaupt antworten, ohne sofort in eine wutentbrannte Rechtfertigungsschlacht zu geraten?

Ein Teil in mir wollte direkt kontern.
Ein anderer hatte Mitgefühl für die Verzweiflung, die wohl darunterlag. Und dann gab es noch einen dritten Teil:
Den, der sich selbst immer wieder fragt, ob ich eigentlich genug mache. Und was ich im Anblick des Weltleids überhaupt beitragen kann – auf eine Art, die wirklich hilfreich ist.

Ich weiß es nicht.
Aber ich kenne die folgende Situation sehr gut.

Wenn Mitgefühl kippt

In den letzten Jahren gab es immer wieder Phasen, in denen ich tagelang in einem Loch war.
Ich erinnere mich an drei Tage, an denen der Amazonas brannte.
Ich lag wie festgefroren auf meinem Sofa, weinte.
Bilder rasten durch meinen Kopf. Mein Körper schmerzte.
Ich verfolgte die Nachrichten wie im Rausch – als müsste ich das alles irgendwie durch mich hindurchfühlen, damit es nicht verpufft.

„Fühl das jetzt. Alles.
Nur wer alles fühlt, ist mitfühlend.
Alles andere wäre Vermeidung.“

So oder so ähnlich klang es in meinem Kopf.
Also fühlte ich. Und fühlte. Und versank.

Bis ich mich am Tiefpunkt fragte:

Darf ich überhaupt noch lachen? Mich gut fühlen?

Zum Glück half mir damals ein Freund zu erkennen,
dass ich Mitgefühl mit Schmerzidentifikation verwechsele.
Und gesunde Grenzen für spirituelle Abspaltung hielt.
Dass mein „alles spüren“ vielleicht problematisch ist.

Denn ja – ich war scheinbar offen für das Leid.
Aber auch komplett blockiert.
Paralysiert.
Unfähig, irgendetwas zu tun, das half.

Es war kein Mitfühlen mehr – es war Ohnmacht.
Und die nutzt niemandem.
Nicht dem Regenwald. Nicht den Tieren. Und mir auch nicht.

Wenn Ohnmacht sich als Moral verkleidet

Diese Nachricht auf Instagram hat mich nicht nur persönlich getroffen.
Sie steht für etwas Größeres. Etwas, das ich immer öfter sehe:

Die moralische Entrüstung als Ersatzhandlung.
Der Shitstorm als Gruppenritual.
Die Empörung als Vermeidung der eigenen Hilflosigkeit.

Denn wenn wir ohnmächtig sind, greifen wir zu dem, was sich dann am stärksten anfühlt:
Verurteilung. Bashing. Anklagen.

Ich erinnere mich noch, wie ich damals meine Frau anfuhr, weil sie nicht so sehr mit dem Regenwald beschäftigt war wie ich.

Sie sollte doch! Sofort.

Und es hat wirklich niemandem geholfen.

Moralische Überlegenheit gibt uns zwar kurz das Gefühl, nicht völlig ausgeliefert zu sein.
Oder wenigstens auf der richtigen Seite zu stehen.
Und das ist menschlich – ich meine das nicht als Abwertung.

Aber ich frage mich immer öfter:

Ist das wirklich Handlung –
oder nur ein neues Ventil für unsere Hilflosigkeit?

Was, wenn dein Beitrag nicht laut ist?

An manchen Tagen wünsche ich mir, dass mir jemand sagt, was mein Beitrag ist. Was wirklich hilft. Was richtig wäre.

Aber wer kennt das Ganze?
Wer überblickt all die Schicksale, all die verwobenen Kräfte, die über Jahrhunderte wirken?
Wer weiß schon, was eine Handlung heute in zwanzig Jahren auslöst?

Ich will damit keine Gleichgültigkeit predigen.
Und auch keine spirituelle Ausflucht.
Im Gegenteil.
Ja, es braucht Protest. Haltung. Stimme.

Aber ich glaube nicht, dass Angst, Druck oder Online-Schuldzuweisungen das sind, was die Welt heilt. 

Ich denke an Ram Dass, der einmal sagte:

„Wenn du echte Veränderung willst,
musst du die Person, gegen deren Ideen du bist,
genauso lieben wie dich selbst.“

Und ja, das klingt fast naiv in Zeiten wie diesen.
Aber ich glaube trotzdem, dass es wahr ist.

Hass erzeugt Hass.
Spaltung erzeugt Spaltung.

Und wenn ich andere im Netz angreife, dann verbreite ich oft genau die Energie, gegen die ich eigentlich bin.

Mein Beitrag heute?

Ich weiß nicht, was am Ende zählt.

Vielleicht ist es genau so eine Nachricht auf Instagram.
Vielleicht jemand, der still meditiert.
Vielleicht ein Protest. Oder eine helfende Geste.

Ich weiß nur:
Das Beste, was ich heute tun kann, ist, in meinem Wirkfeld dazu beizutragen, dass Menschen sich nicht länger gegen sich selbst wenden. Dass sie zurückfinden in ihre Kraft, ihre Liebe, ihre Handlungsfähigkeit.
Und von dort aus – ihren eigenen Weg finden.
Einen Weg, der nicht aus Reaktion entsteht, sondern aus Klarheit.

Was daraus entsteht, kann niemand vorhersagen.
Aber ich glaube: Das ist ein Anfang.

Marvin

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Freiheit ist kein Beziehungsstatus

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