Wenn zu viele Möglichkeiten unfrei machen

Es ist der Abend vor unserem Wochenend-Workshop.
Michael und ich sitzen zusammen und planen das Programm. Sein Handy vibriert.

Eine Nachricht von unserem Helfer – dem, der als Erster zugesagt hatte.
Der am Vortag noch schrieb, wie sehr er sich freut.

„Ich will mich doch nicht festlegen
und mir die Abende lieber freihalten
für eventuelle Spielabende mit Freunden.
Tut mir leid, bin gerade überfordert.“

Ich lese die Nachricht – und merke, wie etwas in mir einknickt.

Nicht nur Enttäuschung.
Es ist eine andere Art von Müdigkeit.

Diese, die du bekommst, wenn du realisierst:
Du kannst dich auf kaum noch jemanden verlassen.
Nicht aus Bosheit.
Sondern, weil viele denken, dass sie sich sonst selbst verraten würden.

Und plötzlich wurde mir klar:
Es geht hier nicht nur um eine Absage.
Es geht um etwas Größeres.

Es geht um Freiheit.

Die gute Absicht hinter dem Muster

Ich will hier niemanden bashen – im Gegenteil.
Ich verstehe den Impuls. Und ich kenne ihn auch von mir.

Gerade wenn du lange in Strukturen gelebt hast, die dich klein gehalten haben, fühlt es sich wie Befreiung an, sich nicht mehr festzulegen.

Alles offen zu lassen.
Niemandem etwas zu schulden.
Zu warten, ob sich nicht noch etwas Besseres ergibt.

Und ja – das kann eine wichtige Phase sein.

Aber irgendwann kippt es.

Was sich nach Freiheit anfühlt, wird zur Flucht.

Nicht, weil Freiheit falsch ist – sondern weil wir sie mit etwas verwechseln, das nur ähnlich aussieht.

Das Problem der endlosen Möglichkeiten

Wir leben in einer Zeit, in der uns mehr Wege offenstehen als je zuvor:

🔹 Jede Karriere ist möglich
🔹 Jeder Ort erreichbar
🔹 Jede Identität wählbar
🔹 Jeder Lebensstil jederzeit justierbar

Das klingt erstmal wie Fortschritt.

Aber sind wir dadurch wirklich freier?
Oder vielleicht eher:

🌀 verlorener
🌪️ ungeerdeter
🧊 einsamer

als jede Generation vor uns?

Ein Blick auf die Statistiken zeigt:
Noch nie gab es so viele Optionen – und noch nie waren wir so überfordert, unverbunden und erschöpft.

Zufall? Ich glaube nicht.

Freiheit ist nicht dasselbe wie freie Wahl

Ich erinnere mich an einen Abend in Mexiko.

Ich saß am Strand, starrte aufs türkisfarbene Meer.
Kein Besitz. Keine Beziehung. Keine Verpflichtung.

Ich war frei.
Zumindest nach außen.

Und innen?

Leere. Kein Rhythmus. Keine Verbindung. Keine Richtung.

Ich fühlte mich wie ein Komet ohne Umlaufbahn – scheinbar frei, aber ohne Zugehörigkeit.

In diesem Moment wurde mir klar: Ich hatte Freiheit mit freier Wahl verwechselt.

Der Unterschied, der alles verändert

Freie Wahl bedeutet:
🔹 Du kannst vieles tun. Du hast Optionen im Außen.

Freiheit bedeutet:
🔹 Du bist in dem, was du tust, ganz da. Du bist innerlich frei.

Wenn wir Freiheit mit Wahl verwechseln, richten wir unser Leben auf etwas aus, das nie satt macht. Wir suchen im Außen, was nur im Innern erfahrbar ist:

Frieden.

Und verlieren uns im Versuch, alles offenzuhalten – statt uns auf das zu konzentrieren, was wirklich zählt:

🧭 Ankommen
🧭 Klarheit
🧭 Verbindung

Wahre Freiheit heißt nicht, alles tun zu können – sondern in dem, was ist, wirklich gegenwärtig zu sein.

Und dich trotz der Umstände für Liebe zu entscheiden.

Vielleicht ist echte Freiheit nicht das, was du alles tun kannst – sondern das, wofür du dich entscheidest,
auch wenn es andere Möglichkeiten gäbe.

Vielleicht ist nicht die Person am freisten, die die meisten stornierbaren Tickets auf dem Handy hat – sondern die, die in dem, was sie tut, Heimat findet.

Eine Freiheit, die nicht durch äußere Wahl entsteht –sondern durch innere Verbundenheit.

Egal, wo du bist.

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Freiheit ist kein Beziehungsstatus