Wenn die Morgenpraxis den Zweck verfehlt
Neulich saß ich in der Sauna mit einem älteren Herrn. Da wir alleine schwitzten, kamen wir ins Gespräch. Irgendwann erzählte er mir euphorisch von seiner Morgenpraxis:
… und dann gehe ich jeden Tag eine Stunde laufen. Egal, wie das Wetter ist. Egal, wo ich bin. Das muss ich machen – für meinen Körper. Danach grüner Tee, lesen, nochmal kurz meditieren. Dann ein spiritueller Text und dann …
Er sprach weiter und weiter.
Seine Praxis ging über zweieinhalb Stunden. Jeden Tag.
Ich war beeindruckt.
Und gleichzeitig dachte ich: Wow.
Das ist entweder tiefe Hingabe – oder eine erstaunlich effektive Methode, sich im Namen der Praxis zu verlieren.
„An wen erinnert mich Letzteres bloß?“, fragte ich mich.
Hhhmmm. Ach ja.
👉 AN MICH.
Und weil ich endlich etwas gefunden habe, das ich wirklich gut kann, möchte ich dir heute eine Schritt-für-Schritt-Anleitung an die Hand geben, wie auch du es schaffst, aus einer sinnvollen, lebendigen Praxis zuverlässig einen sterilen Ego-Selbstzweck zu machen.
Wie du eine sinnvolle Praxis in 5
kinderleichten Schritten ruinierst
Hast du dich auch schon gefragt, wie man aus einer eigentlich hilfreichen Praxis eine anstrengende neue Regel macht? Aus einer lebendigen Morgenroutine eine leblose To-do-Liste?
Oder wie man eine perfekte Idee davon entwickelt, wie der Tag optimal beginnen sollte – und dabei den eigentlichen Start in den Tag verpasst?
Dann habe ich etwas für dich.
Von Yoga bis Breathwork – die Anleitung funktioniert.
Mit etwas Übung kannst du vielleicht sogar mein Niveau erreichen: eine Praxis wie Meditation – die eigentlich Präsenz fördern soll – dafür zu nutzen, Präsenz zuverlässig zu vermeiden.
Aber das ist schon fortgeschritten.
Fangen wir lieber einfach an.
Schritt 1: Streng dich auf jeden Fall an
Das ist die absolute Basis.
Ohne Anstrengung funktioniert diese Anleitung nicht.
Du musst dich anstrengen.
Spürbar. Körperlich. Innerlich.
Wie, fragst du? Ganz einfach.
Stirn runzeln. Fokus in den Kopf. Schultern leicht hochziehen. Weniger atmen. Bauch anspannen. Zähne minimal zusammenbeißen.
Komm, wir machen das kurz gemeinsam.
3 …
2 …
1 …
anstrengen.
Sehr gut.
Wenn das sitzt, können wir weitermachen.
Schritt 2: Mach die Praxis um jeden Preis richtig
Ganz wichtig: Deine Praxis muss richtig sein.
Wenn du meditierst, solltest du richtig meditieren.
Was das heißt? Du solltest genau wissen, wie richtige Meditation aussieht – und dich dann anstrengen, genau das zu tun.
Praktiken, bei denen es um Weichheit, Freude oder Leben geht,
lassen sich nur dann zuverlässig austrocknen, wenn du sie wirklich stets korrekt ausführst.
Merke: Je mehr es um Liebe geht,
desto wichtiger ist es, alles richtig zu machen.
Schritt 3: Erstelle eine Handvoll fester Regeln
Jetzt wird es spannend.
Um deine herzöffnende Praxis wirklich zu einem anstrengenden Pflichterlebnis werden zu lassen, brauchst du Regeln.
Am besten mehrere.
Wie findest du diese?
Wenn etwas einmal gut funktioniert hat, ernenne es zur Regel.
Zum Beispiel:
Ich sollte das immer um 6:27 Uhr machen.
Ich sollte vorher keinen schwarzen Tee trinken.
Ich sollte immer genau hier sitzen.
Auf diesem Stuhl sollte sonst niemand sitzen.
Ich sollte nur noch luluorange Leggings tragen.
Je konkreter, desto besser.
Wenn du mindestens fünf solcher Regeln hast, bist du bereit für den nächsten Schritt.
Schritt 4: Erkläre die Praxis selbst zum Götzen
Hier passiert die eigentliche Magie.
Du bist nun weniger an den Früchten der Praxis interessiert als daran, die Praxis durchzuführen.
Du isst nicht mehr die Mahlzeit.
Du isst die Speisekarte.
Die Praxis wird zum Selbstzweck. Ohne die vorherigen Schritte ist das kaum möglich – mit ihnen geht es erstaunlich leicht.
Fast geschafft.
Schritt 5: Ändere deine Motivation
Wenn du die vorherigen Schritte sauber durchgearbeitet hast, passiert dieser Schritt oft ganz von selbst.
Du kannst aber noch etwas nachhelfen.
Mach Angst zur treibenden Kraft deiner Praxis.
Anstatt dich zu freuen, deine Praxis aus der Liebe auszuführen, sorgst du dich darum, was passiert, wenn du es nicht tust.
Du machst dir Angst,
vom Weg abzukommen,
den Anschluss zu verlieren,
nicht spirituell genug zu sein,
einen schlechten Tag zu haben,
dass dein Körper nicht fit genug ist.
Wenn du hier angekommen bist, kannst du sicher sein:
Du hast es geschafft!
Herzlichen Glückwunsch, deine Morgenpraxis ist erfolgreich ruiniert.
Marvin
P.S. wenn dir noch ein Schritt einfällt, den ich übersehen habe, teile ihn gerne mit mir. Vielleicht veröffentliche ich eine Leser-Liste mit den besten Ideen und wir führen einen Wettbewerb durch.