Zehn Jahre Radikale Ehrlichkeit – Erfahrungen aus der Praxis

Editor’s Note:

Beim digitalen Aufräumen ist mir heute dieser Text aus früheren Jahren wieder begegnet.
Ich habe ihn vor einigen Jahren auf Englisch geschrieben.
Beim Wiederlesen wurde mir klar, dass vieles darin für mich nach wie vor gilt.
Deshalb habe ich ihn übersetzt und hier als Blogartikel veröffentlicht.


Es ist schwer, zehn Jahre in einen Text zu packen.
Deshalb ist dieser hier etwas länger.

Ich war im August 2013 auf meinem ersten Radical-Honesty-Workshop.
Ein siebentägiges Holiday Retreat mit Dr. Brad Blanton in Pelion, Griechenland.

Damals habe ich es ehrlich gesagt nicht verstanden.

Ich dachte, ich hätte meine Wut bereits „transzendiert“. Ich hatte The Power of Now gelesen, ein halbes Jahr gelegentlich meditiert. Meine Mitteilungen im Workshop waren meist kluge Fragen zu aktiver Visualisierung. In den Pausen lästerte ich mit anderen spirituellen Menschen über all die „wütenden Leute“.

Irgendwann – ich erinnere mich nicht mehr genau wie – fielen die Puzzleteile nach dem Retreat zu Hause zusammen. Mir wurde klar, wie viel ich tatsächlich zurückhielt. Dass ich konstant eine Rolle spielte. Und dass mein Vorspielen und Unterdrücken einen hohen Preis hatte:

Körperspannungen, Gedankenspiralen und ein andauerndes Gefühl der Isolation.

Also ging ich tief hinein in diese Arbeit.

Über die Jahre hat sich mein Blick auf Radikale Ehrlichkeit stark verändert – so wie ich mich verändert habe.

Am Anfang nutzte ich die Arbeit vor allem, um mich von dem Gewicht meiner persönlichen Dramen, unerledigten emotionalen Geschichten und internalisierten Erwartungen zu befreien.

Und ja: Ich war extrem wütend.
Und wusste es nicht.

Fast zwei Jahre lang tauchte ich tief in dieses Kaninchenloch ein und stellte Ehrlichkeit über alles. Mir war egal, wie ein Gespräch ausging – Hauptsache, ich sagte meine Wahrheit.

Rückblickend war diese Phase vermutlich manchmal rücksichtslos, ziemlich intensiv, sehr lebendig – und am Ende zutiefst transformierend. Ich stellte mich selbst, mein Leben und mein Wohlbefinden an erste Stelle.
Ich sagte Menschen Dinge, die sie nicht hören wollten.

War das egoistisch? Ja.
Und gleichzeitig nicht.

Indem ich mich selbst ernst nahm, wuchs meine Fähigkeit, mich wirklich um andere zu kümmern.
Durch diese Phase der Selbstzentrierung lernte ich etwas Entscheidendes über echte Fürsorge:

Ich kann andere nicht wirklich lieben, wenn ich mich innerlich selbst abwürge.

Mit der Zeit – und besonders nach drei Monaten gemeinsamen Lebens mit Brad in Virginia – begann ich, das größere Bild von Radikaler Ehrlichkeit zu sehen.

Brad forderte mich immer wieder auf, mich mit meinem Lebenssinn zu beschäftigen.

Das hasste ich anfangs.

Er sagte: Mach die Arbeit, die nötig ist, um mit deiner Familie und deiner Vergangenheit vollständig zu werden.
Und nutze diese Energie dann, um dein Leben zu gestalten – idealerweise im Dienst an anderen und mit Spiel.

„Gib deinem Geist etwas zu kauen, das aus dem Herzen kommt.“

Diesen Satz liebe ich heute.

Heute, nach zehn Jahren – und ich überspringe hier sehr vieles – ist meine Praxis von Radikaler Ehrlichkeit integrierter und feiner geworden.

Anschnallen

Radikale Ehrlichkeit ist eine tiefgreifende Entwicklungsreise – zurück nach Hause.
Zu deinem lebendigen, fühlenden, ausdrückenden Menschsein.

Du kommst wieder in Kontakt mit deinen Wünschen, deiner Aufmerksamkeit und deinen Stärken. Mit dem, was unter Charakterstrukturen, Gewohnheiten und alten Schutzmechanismen verborgen liegt.

Es ist eine Reise in Richtung echter Liebe und Präsenz.
Und sie führt zwangsläufig durch das, was dem bisher im Weg stand.

Kurz gesagt: Sie ist nicht nur angenehm.
Manchmal fühlt sie sich an wie Sterben.

Die gute Nachricht: Du entscheidest, wie tief du gehst.
Radikale Ehrlichkeit kann dein Leben komplett verändern. Wie stark, hängt davon ab, wie bereit du bist, Kontrolle loszulassen, schwierige Gespräche zu führen und dem Leben zu vertrauen.

Diese Reise braucht Zeit. Menschen an deiner Seite. Mentoren. Zusätzliche Unterstützung wie Therapie, Meditation, Körperarbeit. Und den Mut, wirklich Mensch zu sein.

Es ist kein Direktflug.
Es ist eine Reise mit Höhen, Tiefen – und noch mehr Höhen und Tiefen.
Freiwillige?

Rechne mit einem Einbruch

Manchmal wird es erst schlimmer, bevor es besser wird.

Die Beziehung zu meinem Vater war lange funktional, ordentlich und „harmonisch“.

Zu einem hohen Preis.

Als ich begann, wirklich ehrlich mit ihm zu sein, wurde es zunächst hart.

Der Kontakt brach eine Zeit lang ab.
Ich war damit okay – ich wollte nicht mehr so weitermachen wie vorher.
Er mochte meinen neuen Weg nicht.

Eines Tages standen wir uns gegenüber und weinten beide.
Das war ein Wendepunkt.

Die alte Festung musste brennen.
Heute haben wir eine tiefe, ehrliche Verbindung.
Mein Vater hat mir von seinem Leben erzählt – wirklich erzählt.

Ich hätte nie gedacht, dass ich ihn so lieben und gleichzeitig so ehrlich sein kann.

Fang jetzt an

Du kannst nur so ehrlich sein, wie du dir deiner selbst bewusst bist.

Du kannst keine Wahrheit aussprechen, die du noch nicht wahrnimmst.
Und gleichzeitig beginnst du mehr wahrzunehmen, indem du ehrlich bist.

Radikale Ehrlichkeit braucht also ein gewisses Maß an Bewusstsein – und vertieft dieses Bewusstsein durch die Praxis.

Das heißt:
Du musst dort beginnen, wo du gerade bist.
Und deine Wahrheit wird sich verändern, während du praktizierst.

Diese Veränderung passiert nicht durch Nachdenken.
Sie passiert im Kontakt. Jetzt.

Du kannst dich nicht aus dem Problem des Überdenkens herausdenken.

Zwischen Methode und Vermeidung

Du kannst Radikale Ehrlichkeit völlig korrekt, lehrbuchmäßig praktizieren –
und trotzdem nicht sagen, was wirklich lebendig und wesentlich für dich ist.

Der Sweet Spot liegt irgendwo zwischen zu starrer Methodentreue und zu loser, ausweichender „Ehrlichkeit“.

Radikale Ehrlichkeit ist ein lebendiger Ausdruck des Selbst.
Sie funktioniert gut innerhalb eines Rahmens.
Vielleicht kann man das Freiheit innerhalb von Grenzen nennen.

Es gibt etwas zu gewinnen, wenn man sich eine Zeit lang an die Methode hält.
Und es gibt etwas zu verlieren, wenn man in ihr stecken bleibt.

Geh tiefer – nicht kontrollierender

Man kann ein Werkzeug, das eigentlich Kontrolle auflösen soll, dazu benutzen, noch kontrollierender zu werden. Ich selbst natürlich nie. Aber vielleicht du?

Gut integrierte Radikale Ehrlichkeit beginnt mit deiner Intention.

Und mit Ehrlichkeit darüber.

Wenn es eine geheime Agenda gibt – jemanden zu beschuldigen, zu manipulieren, zu verführen oder ein bestimmtes Ergebnis zu erzwingen – dann ist es keine Radikale Ehrlichkeit, solange diese Agenda nicht benannt wird.

Oft wissen wir selbst nicht, welche Absicht uns gerade steuert.
Das braucht Zeit, Wahrnehmung – und die Bereitschaft, immer wieder aufzuräumen.

Ohne sich im eigenen Chaos zu verlieren.

Kein Moralismus

Radikale Ehrlichkeit ist kein neues Dogma.
Das war schwer für mich zu akzeptieren.

Ich mochte meine Regeln. Ich mochte es, endlich etwas zu haben, bei dem ich „recht“ habe.

Die eigentliche Arbeit beginnt, wenn man Recht-Haben loslässt.

Du musst nicht ehrlich sein. Und du solltest es auch nicht.

Viele Menschen werden alt, ohne je ehrlich zu sein.

Warum also Ehrlichkeit?
Weil zu wissen, dass man sich verstecken könnte – und sich trotzdem zeigt – zutiefst stärkend ist.

Das Leben wird nicht unbedingt leichter.
Aber es wird realer.

Ehrlichkeit ohne Mitgefühl ist hart

Radikale Ehrlichkeit ohne Mitgefühl tut weh.

Manchmal müssen wir ehrlich sein, um wieder an Mitgefühl heranzukommen.
Das ist heikel.

Gerade am Anfang, wenn viel alter Schmerz da ist, liegt oft Härte über Scham, Traurigkeit und letztlich Liebe.

Aber dieses mitfühlende, liebevolle Zentrum ist da. In jedem von uns.
Radikale Ehrlichkeit hilft, die Schichten zu entfernen, die uns davon trennen.

Hol dir ein Leben

Mach auch noch etwas anderes als Radikale Ehrlichkeit.
Arbeite an deinem Lebenssinn. Oder lüg zur Abwechslung.

Manche fragen mich, ob ich in einer reinen Radical-Honesty-Community leben wollen würde.
Wenn es bedeutet: Menschen, die Radikale Ehrlichkeit sehr ernst nehmen – nein danke.

Jede befreiende Praxis kann zum Gefängnis werden.

Zu viel von irgendetwas macht süchtig.
Auch das Aufarbeiten von alten Emotionen.

Zum Schluss

Ich habe Radikale Ehrlichkeit über die Jahre aus vielen Blickwinkeln betrachtet.
Und trotz aller Kritik, aller Nuancen und aller Reifung glaube ich immer noch:

Die Essenz dieser Arbeit ist wirklich wichtig und kann Leben verändern.

Wenn richtig praktiziert kann die Radikale Ehrlichkeit ein sehr schneller Weg raus aus alten Geschichten, Dramen und Emotion sein. Ein Weg, in deine schöpferische Kraft zu kommen. Gegenwärtig zu bleiben und anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen.

Es gilt zu vermeiden, aus dieser Arbeit ein neues Über-Ego oder eine Superstrategie zu machen und dich immer wieder zu entscheiden, auch dort ehrlich zu sein, wo du vielleicht nicht das kriegst, was du willst.

Denn da findest das Leben außerhalb der kleinen Selbstdefinition statt.

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